2009 22. Sep

Zivilcourage in Deutschland

Anlässlich der Tötung von Dominik Brunner auf einem Münchner S-Bahnhof durch Jugendliche fragten sich die Medien entsetzt, wie es soweit kommen konnte, warum niemand eingriff und überhaupt, welchen Effekt das wohlmöglich auf die Bereitschaft der Deutschen haben würde, zukünftig in ähnlichen Situationen zu intervenieren. Zivilcourage müsse schon in der Schule gelehrt werden, man müsse die Bereitschaft dazu fördern und so weiter und so fort.

Letztlich ist es doch so: hätte Herr Brunner einen der Jugendlichen verletzt und hätten diese von ihm abgelassen und ihn angezeigt, dann wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass Herr Brunner und nicht die Täter verurteilt wegen Körperverletzung worden wären.

Unrealistisch? Wer das glaubt, der sollte sich den Artikel hier mal durchlesen, der sich explizit mit der diesbezüglichen Situation in München befasst.

Meine persönliche Erfahrung mit (Not-)Hilfe

Im Winter 1996 habe ich als damals 19-Jähriger einen Kaufhausdieb “gestoppt”. Der kam mir entgegengerannt aus der Eingangstür des Kaufhauses, ein abgerissener Kerl mit einem unübersehbaren, roten, riesigen Parfümflacon in der Hand, diese 1-Liter-Monstren, die in diesen unpassierbaren Stinketempeln immer rumstehen. Die Tür war vielleicht 10m vor mir, um mich rum großes Gedränge, es war Weihnachtsmarkt. In dem Glaskasten der Doppeltür sah man schon die Kaufhausdetektive flitzen. Ich hatte vielleicht eine halbe Sekunde, um zu “überlegen”. Der Typ rannte genau auf mich zu, den Flacon vor der Brust, wie ein Rugbyspieler. Ich habe einfach mein Knie vor mir hochgezogen und ihn da reinlaufen lassen. Er fiel halb hin, der Flacon landete auf der Straße, ich packte den Typen an der Jacke, da war auch schon der Security-Mann da. Der Typ schlug wild um sich, brüllte irgendwas von faschistischen Arschlöchern, die ihn misshandeln würden. Die ersten Weihnachtsmarkt-Passanten sammelten sich um die Szene. Gemeinsam mit Security-Mann Nr. 2 drückten wir ihn an eine Wand. Wir stemmten unsere Körper einfach gegen ihn, weil der so was von rumzappelte und um sich trat und schlug. Einer der Security-Leute rief die Polizei. Der Menschenpulk wurde immer größer. Was machte der Täter währenddessen: er rieb vorsätzlich seine Fingerknöchel am Beton blutig und schrie wie am Spieß. Die faschistischen Arschlöcher und so weiter… Ich war von der gesamten Sache wie paralysiert, das alles hatte vielleicht 30 Sekunden gedauert. Aus dem Menschenpulk kamen die ersten lauteren Anmerkungen “Was soll den das hier?”, “Willkür” und so weiter. Als der Typ dann seine blutigen Finger durch die Gegend warf und zur Menge rief “seht her, sie misshandeln mich!”, ging ich drei Schritte zurück. Man denkt nicht in so einem Moment, man ist einfach nur zutiefst verunsichert. Da stand ich dann wie eine Salzsäule, den Blick immer noch auf dem Typen an der Wand…

…und ZACK, bekam ich einen Schlag gegen den Kopf. Von hinten. Ich hatte keinen Blackout, aber war erstmal benommen. Ich drehte mich um und da stand eine Frau um die 50 mit ihrem Regenschirm noch in der erhobenen Hand. Den hatte Sie mir über den Kopf gezogen.

Später dann saßen alle Beteiligten inkl. Polizei in einem Kaufhausbüro, die Frau wollte mich anzeigen wegen Körperverletzung (des Diebes), allerdings redeten die Polizisten so lange auf Sie ein, bis sie davon Abstand nahm, vielleicht auf wegen der unübersehbaren Beule an meinem Hinterkopf. Trotzdem musste ich noch in diesem Kabuff ein Formular ausfüllen, auf dem ich mich rechtfertigen musste für die Art meines Eingriffs (Thema Verhältnismäßigkeit), Aufnahme der persönlichen Daten etc. natürlich sowieso. Ich kam mir vor wie ein Täter, nicht wie ein Helfer.

Als ich da raus kam, war ich so voller Adrenalin, dass ich wie auf Wolken nach Hause bin, aber an den gesamten Rest des Tages kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Nur daran, dass ich mich in der Zeit danach häufiger mal gefragt habe, ob ich so etwas noch einmal tun würde…

Informationen zum Beitrag

Einen Kommentar schreiben