2009 26. Aug

Wie Wolfgang Petry mir (vielleicht) das Leben gerettet hat

Es gibt Wahrheiten, die machen einem zu schaffen und die hier gehört mit Sicherheit in diese Kategorie. Ich meine, sowas muss man sich erstmal eingestehen :) Der Auslöser just in diesem Moment: der Retter, live im Radio.

Es war bei der Bundeswehr, Grundausbildung. Ich kam frisch von einer katholischen Ordensschule, hatte einen Ausbildungsvertrag in der Tasche und die Studienpläne schon im Hinterkopf. Also aufgrund des eigenen, geprägten Habitus der ideale Opferstatus für die diversen Saufspielchen und Rituale der Bundis, auch und gerade abseits der Regeln versteht sich.

Wir hatten die ersten drei oder vier Wochen Grundausbildung hinter uns, drei oder vier Wochen nicht zu Hause, von morgens bis abends im Dreck, tagelang Waffen putzen, “Sprung auf Marsch Marsch”, Schießen, grüne Ubüngsmun, blaue Übungsmun, das ganze Programm eben. Dann empfahl uns unser Feldwebel für das erste freie Wochenende seit Beginn der GA seinen Berufsgefreiten an. Das bedeutete: Bund live, Biergarten im Kaff, saufen bis zum Umfallen und für einige danach weiter in den fest in Bund-Hand befindlichen Puff.

Ich habe an diesem Abend viel gelernt: so hatte ich noch von “Stiefelsaufen” gehört und mich nie gefragt, wie das Spiel “Soldat im Weltall” abläuft (wie im Video, nur mit Helm in der Mitte). Und da waren noch weitere Rituale, die ich dem geneigten Leser an dieser Stelle erspare, denen ich mich aber konsequent entzog und mich damit für die folgenden Wochen als “elitärer Schmock” outete (O-Ton). (Die waren nicht so extrem wie im Artikel, aber…naja, grenzwertig eben.)

Jedenfalls endete dieser Abend für mich…nein, nicht im Puff und auch nicht bei den anzüglichen Ritualen, sondern sturzbesoffen auf einem irgendwie begehbaren Weg in die Kaserne zurück. Mit mir unterwegs: zwei Kameraden, die ich erst vor drei Wochen kennen gelernt hatte und denen ich ich jetzt wechselweise in den Armen lag und irgendwelches belangloses Zeug lallte, weil ich meine kognitiven Fähigkeiten erfolgreich pulverisiert hatte.

Dummer Weise führte der kürzeste Weg zum Bett über die Bahngleise. Man hatte uns gewarnt, mehr noch, explizit verboten, diesen Weg zu nehmen, das war den Bundis ernst, offensichtlich hatte es an der Strecke schon Tote gegeben. Jedenfalls: warum an den Bahngleisen entlangtorkeln, wenn man auch witzig auf den Schwellen laufen kann?!

Doch plötzlich tönte ein Song durch die laue Sommernacht aus dem Biergarten und bevor ich mich musikalisch überhaupt orientieren konnte -ich kannte weder Titel noch Interpreten- johlten meine Kameraden schon “Vealieeebääähhhhhn verlohaaaaan, vergesseeeeen verzeiiihnnnnnnn….” und so weiter. Wie gesagt, ich hatte keine Ahnung, vom Text schon gar nicht, aber die Musik war eingängig, SEHR eingängig. So eingängig, dass wir wie gesteuert wieder in Richtung Biergarten zurücktaumelten und ich immer nur beim Refrain das johlte, was ich verstanden hatte – also so gut wie nichts Korrektes :D

Ich weiß nicht, ob wir schon zehn oder dreißig Meter weiter Richtung Biergarten waren und ob wir den Zug auch so bemerkt hätten. Jedenfalls standen wir nach weiteren dreißig Sekunden vor der nächsten Heimkehrergruppe, die wie angewurzelt auf dem Acker standen. Einer meinte nur: “Jungs, das…eaahhhh…*rülps*. Das waaaaaaar schon knapp jetzt…”. Sprachs, setzte die Bierflasche an und nahm noch einen tiefen Schluck, bevor er weiter Richtung Gleise stolperte.

Insofern, lieber “Wolle”: DANKE.

PS: Ich habe schon vor Jahren “Alles” von dir gekauft…

Informationen zum Beitrag

Einen Kommentar schreiben