Die Finanzkrise und der deutsche Michel
Damals, als ich noch “inside” war, 1998, 1999, 2000. Seither und jahrelang wurde der deutsche Durchschnittssparer von den Banken verspottet, verhöhnt, teilweise beschimpft. Viel zu risikoavers sei er, ungebildet in finanziellen Dingen, hinterwäldlerisch wie sein Sparbuch, das er so sehr liebte. Hätte er doch, wollte er doch, kaufte er doch: Mut, Aktien kaufen, Aktien, Fonds, Zertifikate, Optionsscheine, alles ausser dem Sparbuch eben.
Ganz, ganz langsam kamen sie “aus sich heraus” damals, 1999, 2000. Kauften Aktien, dann mehr, als ihre Verwandten und Freunde von fast sicheren, hohen zweistelligen Renditen in wenigen Monaten berichteten. Sie wurden enttäuscht, im März 2000 und danach. Sie wurden wieder vorsichtiger. Aber nicht ihre Bankberater. Die baggerten, erzählten, versuchten, machten und taten: alles, damit die Leute die immer schneller aufeinander folgenden, immer unverständlicheren Konstrukte kauften.
Die Banken in Deutschland müssten dem deutschen Sparer eigentlich vor Canossa kniend danken und den windigen Konstrukten der Vergangenheit abschwören. Denn genau diese deutschen Sparer, jahrelang belagert, beschimpft, belächelt, retten nun das ganze System. Vier Millionen Menschen in Deutschland -also nur 10% der Erwerbsbevölkerung- die ihre Einlagen abheben wollen würden und die deutschen Banken brächen in sich zusammen. Einfach so.
Die Helden sind Leute wie eine alte, sehr alte Verwandte: Lehman-Zertifikate hat sie gehabt, ein fünfstelliger Betrag. Erst vor wenigen Monaten gekauft, sagt sie, weil sie endlich ihrer jungen Finanzberaterin “einen Gefallen tun wollte”. Die sei doch immer so fürsorglich gewesen und so hübsch war sie auch immer und so nett.
Sie macht ihr keine Vorwürfe, sie ist nichtmal wütend. Eher traurig und besorgt und, wie sie sagt, in ihrem Alter noch einmal um eine Erfahrung reicher. Sie legt jetzt wieder an, alles auf einmal. Auf einem Sparbuch und -wie sie betont- nur noch dort.