2008 12. Okt

Damals, als ich noch “inside” war, 1998, 1999, 2000. Seither und jahrelang wurde der deutsche Durchschnittssparer von den Banken verspottet, verhöhnt, teilweise beschimpft. Viel zu risikoavers sei er, ungebildet in finanziellen Dingen, hinterwäldlerisch wie sein Sparbuch, das er so sehr liebte. Hätte er doch, wollte er doch, kaufte er doch: Mut, Aktien kaufen, Aktien, Fonds, Zertifikate, Optionsscheine, alles ausser dem Sparbuch eben.

Ganz, ganz langsam kamen sie “aus sich heraus” damals, 1999, 2000. Kauften Aktien, dann mehr, als ihre Verwandten und Freunde von fast sicheren, hohen zweistelligen Renditen in wenigen Monaten berichteten. Sie wurden enttäuscht, im März 2000 und danach. Sie wurden wieder vorsichtiger. Aber nicht ihre Bankberater. Die baggerten, erzählten, versuchten, machten und taten: alles, damit die Leute die immer schneller aufeinander folgenden, immer unverständlicheren Konstrukte kauften.

Die Banken in Deutschland müssten dem deutschen Sparer eigentlich vor Canossa kniend danken und den windigen Konstrukten der Vergangenheit abschwören. Denn genau diese deutschen Sparer, jahrelang belagert, beschimpft, belächelt, retten nun das ganze System. Vier Millionen Menschen in Deutschland -also nur 10% der Erwerbsbevölkerung- die ihre Einlagen abheben wollen würden und die deutschen Banken brächen in sich zusammen. Einfach so.

Die Helden sind Leute wie eine alte, sehr alte Verwandte: Lehman-Zertifikate hat sie gehabt, ein fünfstelliger Betrag. Erst vor wenigen Monaten gekauft, sagt sie, weil sie endlich ihrer jungen Finanzberaterin “einen Gefallen tun wollte”. Die sei doch immer so fürsorglich gewesen und so hübsch war sie auch immer und so nett.

Sie macht ihr keine Vorwürfe, sie ist nichtmal wütend. Eher traurig und besorgt und, wie sie sagt, in ihrem Alter noch einmal um eine Erfahrung reicher. Sie legt jetzt wieder an, alles auf einmal. Auf einem Sparbuch und -wie sie betont- nur noch dort.

2008 24. Sep

Frei nach Heinrich Heine :D

Das kommt dabei raus, wenn man zu viel Zeitung liest, gleichzeitig Musik hört und Rotwein trinkt. Es wäre übrigens theoretisch nur in der Vertonung von Robert Schumann richtig gut…

In Wall Street, da waren zwei Banker voll Gier,
Die wurden bei Lehman gegangen.
Und als sie saßen beim den letzten Bier,
Sie ließen die Köpfe hangen.

Da hörten sie alle die traurige Mär:
Dass viel Geld verloren gegangen,
Besiegt und geschlagen der Marktjünger Heer,
und die Welt blickt gespannt voller Bangen.

Da weinten zusammen die Banker hier
Wohl ob der kläglichen Kunde.
Der eine sprach: »Wie weh wird mir,
Kritik schäumt aus aller Munde!«

Der andre sprach: »Das Lied ist aus,
viel Banken werden sterben,
Die haben nichtmal Wert im Haus
den Eignern zu vererben.«

»Was schert mich Wert, was schert mich Geld,
Ich habe die bess’ren Visionen;
Lass den Staat bezahl’n, mache ihn zum Held,
das Volk zahlt, das wird sich schon lohnen!

Zur Rettung, Bruder, eine Bitt‘:
Ich tu, als ob ich sterbe,
So nimm meinen Körper zur Wall Street mit,
und leg mich in Wall Streets Erde.

Den Jahresbonus und nen Scheck,
sollst du aufs Herz mir legen;
das Notebook, nimm es mir nicht weg,
und gib mir Buffets Segen!

So will ich liegen und horchen still,
nur scheintot in meinem Grabe,
bis einst ich höre der Bullen Gebrüll
Und sehe das alte Gehabe:

Dann stürmen die Broker wohl über mein Grab,
Viel Buchgeld wird aus Nichts erschaffen,
dann schreib ich die Orders direkt aus dem Sarg,
und kämpf mit den alten Waffen!«

2008 19. Sep

Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte. Weltweit werden die Verluste aus den privatwirtschaftlichen Geschäften (sic!) der Banken im ganz großen Stil sozialisiert, also auf den Steuerzahler der jeweiligen Länder überwälzt! Bedeutet: die Gewinne, die von hoch riskanten Kredit- und Spekulationsgeschäften abgeworfen werden wurden, landeten in den Taschen der Anteilseigner – also in der Privatwirtschaft. Wenn der Totalverlustfall eintritt, so wie jetzt, dann übernimmt die öffentliche Hand.

Dieses Signal ist fatal: für Top-Manager bedeutet das in Zukunft, dass es besser ist, etwas im ganz großen Stil vor die Wand zu fahren als nur ein bisschen. Und es schwächt die gesamte westliche Kultur, die im wesentlichen auf dem Kapitalismus aufbaut. Wer soll so ein System denn ernst nehmen, geschweige denn (freiwillig) adaptieren oder sogar toll finden? Ein System, dass seine eigenen Bürger nach Strich und Faden verarscht. Alle. Jeden einzelnen von uns, weltweit. Mit unserem Geld wird jetzt weltweit das jahrelange Versagen, der Größenwahn der Banker und Spekulanten, die ganze Blase bezahlt. Der Markt wird ganz oder teilweise seiner Selbstheilungskraft beraubt. Er kann sich nicht bereinigen, wenn nichts verschwindet. Darwinismus, das, was die immer wollten, funktioniert nur dann, wenn Selektiert wird. Minderwertiges darf nicht weiterexistieren, es gefährdet nämlich den Fortbestand der Art. In Wirklichkeit leben wir, wie uns mal wieder vor Augen geführt wird, in einem Protektorat für den minderwertigsten Entscheider-Müll dieser Welt. *brech*

Das System ist in sich ist inkonsequent bis auf die Knochen, keinerlei Integrität. Es wird immer nur so lange der Protektionismus verdammt, staatliche Eingriffe abgelehnt und Freihandel propagiert, wie das Profit verspricht. Sobald nationale Interessen oder der Profit im internationalen Stil bedroht sind, wird all das über Bord geworfen.

Gleichzeitig muss in Zukunft jeder kleine Hartz-IV-Empfänger seine Girokonto offenlegen. Und was ist mit den Büchern, mit den Deals der Investmentbanken, die von nichts und niemandem kontrolliert werden?! Und das steht auch noch direkt unter den entsprechenden Meldungen aus der Bankenwelt.

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