Politische Legendenbildung
Die SZ schreibt im Rahmen der Diskussion um das “Terrorflugzeugabschussgesetz”:
Es gab schon einmal jemanden, der gesagt hat, dass er im Zweifel den Befehl zum Abschuss geben werde. Das war Peter Struck, damals in der Funktion als Verteidigungs- minister. Im Januar 2003 war ein Sportflugzeug auf die Frankfurter Hochhäuser zugerast und wurde noch abgefangen. Und der SPD-Politiker Struck bekannte später: Hätte damals ein Terrorist am Steuerknüppel gesessen, er hätte das Flugzeug vom Himmel schießen lassen.
- Quelle: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Interessant. Ich war damals dort und habe es teilweise mit eigenen Augen gesehen. Ich war in Frankfurt und ich wollte von Sachsenhausen Richtung City über den Eisernen Steg – woran ich polizeilich gehindert wurde. Die oben implizit aufgestellten Behauptungen sind aus mehreren Gründen lächerlich:
- “Im Januar 2003 war ein Sportflugzeug auf die Frankfurter Hochhäuser zugerast und wurde noch abgefangen.”
Dazu stelle ich fest: diese Aussage ist unwahr. Bevor die ersten Phantoms am Himmel auftauchten, hatte die Polizei zwar schon begonnen, die City abzuriegeln – man konnte aber sogar von der anderen Mainseite sehen, wie der Leichtflieger in aller Ruhe seine Runden drehte, er tauchte immer mal wieder zwischen den Hochhäusern auf.
Was mir die Umstehenden erzählten, kam er auch genau so schnell “angerast”, wie das mit einem Motorsegler eben möglich ist. Sprich: er zockelte gemächlich vom Flughafen bis zur Skyline und verweilte dort immerhin weit über eine Stunde lang, bevor er dann in FFM wieder landete. - Die Phantoms kamen also angedonnert, in Zweierformation. In atemberaubendem Tempo jagten sie mehrfach über die City hinweg, aber als “Zuschauer” merkte man recht schnell: die konnten gar nicht da hin fliegen, wo sie hätten hinfliegen müssen, um das Fluggerät abzufangen. Nämlich zwischen die Hochhäuser.
Wer sich ein bisschen mit Aerodynamik auskennt und das hier (oder das hier) aufmerksam liest, der wird feststellen, dass man mit den Jets nicht wirklich langsam genug fliegen können dürfte, sie würden nämlich wie Steine aus dem Himmel fallen. Und wie man wiederum viel zu schnell in Straßenschluchten manövrieren können soll (G-Force lässt grüßen), das muss erstmal jemand vormachen, vielleicht ja unsere vorlauten Verteidigungsminister. - “Hätte damals ein Terrorist am Steuerknüppel gesessen, er hätte das Flugzeug vom Himmel schießen lassen.”
Ich habe eben dargelegt: da wurde nichts “abgefangen”. Da wurde verzweifelt versucht, irgendwie an das Flugzeug erstmal ranzukommen. Also stellt sich die Frage: wie hätte man bitte dieses Ding abschießen sollen? Mit MG-Dauerfeuer im Vorbeiflug? Mit einer Rakete? Mit was für einem Zielleitsystem? Infrarot bei einem Motorsegler? Radar? Allein die Dauer des Zwischenfalls spricht Bände über die tatsächliche Machtlosigkeit, mit der unsere Behörden, Möchtgern-Feldherren und sonstige Akteure der Situation begegneten. Von “abfangen” oder gar “abschießen” kann also mal keine Rede sein. - Last but not least im Kanon der Ungereimtheiten: was wäre denn gewesen, WENN es sich bei dem Motorsegler um einen Terroristen gehandelt hätte? Vielmehr als irgendwo gegen eine Wand fliegen und wahrscheinlich, ein paar Kratzer hinterlassend, daran platt herunterrutschend, wäre mit einem Motorsegler wohl kaum möglich gewesen. Hypothetischer “Terror-Schaden” vs. Kollateralschaden eines Abschusses? Da denke ich lieber nicht drüber nach….
Hier zeigt sich mal wieder die peinliche Beflissenheit unserer Sicherheitsingenieure, die ich persönlich mittlerweile auf das “kleine Mann Syndrom” zurückführe: Wenn meiner ganz kurz ist, dann will ich wenigstens, dass deutlich wird, dass er theoretisch gaaaanz lang ist. Wenn wir schon ohnmächtig zuschauen und keine Ahnung haben – dann soll es wenigstens so aussehen, als ob wir am Drücker säßen. Ach ja, ich vergaß: das ist ja mittlerweile zum Leitmotiv der Bundespolitik geworden.