Mentale Schockwellen des 9-11
Dienstag abend, die 18-Uhr Maschine nach Frankfurt. Ich bin nach einem Marathon-Meeting recht “durch” und freue mich auf einen kurzen Flug, eine verhältnismäßig kurze Taxifahrt und dann ohne weitere Umwege mein Bett.
Doch dann taucht mit einem Mal eine Gestalt im Gang auf: nachlässig gekleidet in eine khakifarbene, aber ziemlich zerknitterte Hose, braune Slipper, ein Hemd, dessen Weiß schon bessere Tage gesehen hat und welches dank zwei offener Knöpfe den Blick auf eine dunkel behaarte Brust teilweise freigibt. Der stark wachsende Bart wurde wahrscheinlich das letzte Mal morgens rasiert, ist aber schon wieder 1mm nachgewachsen und bildet mit der einfachen, schmalrandigen Brille einen klasse Rahmen für die schwarzen Augen meines Freundes, passend zum dunklen Teint seiner Haut sowie den vollen, schwarzen Haaren.
Während er also den Gang entlang kommt, fällt er mir wegen irgendwas auf – ich wusste ja nicht, dass er sich direkt neben mich ans Fenster setzen würde. Jedenfalls fiel mir dann erst auf, dass sein Körperduft ziemlich penetrant schweißig war, sein ganzes Gesicht schweißfeucht und dass er die blaue Textil-Umhängetasche nicht deswegen so krampfhaft an seinen Oberkörper presst, weil der Gang so eng ist, sondern weil unser Freund so aufgeregt ist.
Wir halten also fest: neben mir sitzt jetzt ein als optisch teilintegrierter “Orientale” beschreibbarer Mann Anfang 30 mit billigen, ausgetragenen Klamotten, der penetrant nach Schweiß riecht, vor lauter Aufregung schweißnasse Haut an Händen und Gesicht hat, während er sitzt die ganze Zeit aufgeregt aus dem Fenster starrt, dabei in seinem Gesicht herumfummelt – und diese blaue Textiltasche krampfhaft an sich drückt.
Hatte ich schon von den Amerikanern vor mir erzählt, die ihren Anschluss nach JFK in Frankfurt bekommen wollten? Nicht? Oops. Jedenfalls betete ich, dass SIE es sein würden, die dem Personal nahe legen, den Mann mal anzusprechen. Naja, und wenn man mal Antiterror braucht, dann ist natürlich kein Antiterror da, jedenfalls nahmen die gar keine Notiz von ihm. Mein Sitzanchbar auf der anderen Seite und ich schon.
Fieberhaft überlege ich: “Sage ich der Crew bescheid? Spreche ich den Mann mal an? Was soll ich der Crew sagen und überhaupt? Wir werden doch alle durchleuchtet, Flüssigkeiten im Beutel und so. Aber wahrscheinlich sind mindestens 99,99% der Beschäftigten am Flughafen seine Landsleute, zumindest Muslime. DIE haben ihm sicher die Tasche gegeben, HINTER den Sicherheitskontrollen.” Ich schlucke.
Ich spreche den Mann an, aber: es war keine gute Idee. In fast schon zu klischeehaft gebrochenem Film-Araberenglisch erklärt er auf meine möglichst neutrale Frage “Sir, can I help you?”: “Ohhh, no, senk ju…is…sis….my firrst time to flei, senk ju.”
Mein Nachbar dreht sich fast erschrocken weg, tut aber nichts weiter.
“Oh nein, und dein letztes Mal wahrscheinlich auch”, denke ich. Es ist schon faszinierend, welche Unruhe so eine Situation in jemandem auslöst, der sich eigentlich für recht besonnen hält. Weitere Gedanken schießen mir durch den Kopf: “Gilt ein SMS-Testament? Schreibe ich erst meiner Freundin oder meinen Eltern? Soll ich meine Mitreisenden warnen? Wie kriegt man jemanden aus einem Flugzeug? Und ist das nicht peinlich, wenn sich dann rausstellt, dass in der Tasche sein Stoffteddy ist?”
Während das Flugzeug schon richtung Startposition rollt, Hoffnung. Eine Stewardess kommt den Gang entlang, nein halt, es ist sogar die Purserin. Vielleicht fällt ihr was auf. Ich mache mich extra klein, der Mann neben mir nestelt noch immer an sich herum, schwitzt, presst die Tasche an sich und sieht wie ein Muslim in Abendland-klamotten aus. Wie in Zeitlupe geht die Dame an uns allen vorbei.
“Wie erkenne ich Sky Marshals? Sind hier vielleicht welche? Soll ich aufstehen und das Flugzeug verlassen? Eine Schlägerei inszenieren vielleicht? Wir sitzen übrigens genau richtig, genau über den Flügeln, direkt da ist das Kerosin, da richtet eine Explosion den größten schaden an, und – er sitzt direkt an der Außenhülle, geschickt gemacht das Ganze.”
Wir stehen auf der Startposition, die Triebwerke heulen auf, die Beschleunigung drückt uns alle leicht in den Sitz. Zu spät. Naja, was solls, entweder es geht gut oder auch nicht. Einen einzigen Vorteil sehe ich: WENN seine Tasche hochgehen sollte, dann merke ich davon nichts mehr. Kein Absturz, keine Panik, kein Aufschlag, nichts. Immerhin was, es gibt Schlimmeres. Ich muss unwillkürlich an die armen Schweine denken, die sich panisch aus dem WTC gestürzt haben, um den Flammen zu entkommen. Wenigstens-was!
Langsam gewinnt die Ratio die Oberhand zurück, die Gedanken nicht mehr ganz so konfus, aber die Anspannung will einfach nicht weichen. Bei meinem schweigsamen Nachbarn aber auch nicht. Beruhigend nur zu sehen, dass er jetzt auch schwitzt (dabei aber nicht riecht). Ich bin also nicht allein mit der Anspannung. Trotzdem schiele ich ab und an noch auf die Tasche. Die erste Durchsage des Kapitäns, eigentlich müssten wir schon da sein, aber de facto waren es erst 10 Minuten. Einer der längsten Kurzstreckenflüge meines Lebens.
Nach der Landung fühlt sich plötzlich alles ganz leicht an. “Wie konnte man nur so einen Schwachsinn denken?” Also gehe ich zufrieden die Gangway rauf und frage mich: “Wenn schon Amerikaner selbst eine Reihe davor so etwas nicht mitbekommen, was sollen dann Videosysteme etc. leisten? Die Awareness der Crews ist nicht nur nicht ausreichend, sondern schlicht und einfach nicht gegeben. Das gilt sowohl für das Aufspüren von potentiellen Terroristen als auch für die Befindlichkeit (Flugangst?!) der Gäste. Muslime sind doch nicht alle böse.”
Und: “…vielleicht hat der Apparatschik einfach nur nicht funktioniert.”