Ein Streifzug durch unser Gesundheitssystem
Ich habe irgendwas im Bauch, seit ein paar Wochen. Es fing damit an, dass ich ständig das Gefühl hatte, Hunger zu haben, genauer: dass mein Magen knurrt. Auch dann, wenn ich unmittelbar davor etwas gegessen hatte.
Vor zwei Wochen kam ich auf die Idee, das erste Mal in dieser Stadt einen Allgemeinmediziner aufzusuchen. Ich habe gesucht, mich umgehört – und landete dann bei einer Gemeinschaftspraxis zweier Damen. Ich bekam recht zügig einen Termin, setze mich ins Wartezimmer, dann ins Arztzimmer, schildere mein Problem…und sehe in zunehmend verständnislose Augen.
Hmmm, also solche Symptome seien ihr noch nie unter gekommen, also ganz ehrlich, sie wisse jetzt nicht, was das sein könne. Ich sollte mich hinlegen und den Bauch frei machen. Dann drückt sie auf mir rum, irgendwann richtig doll in die Magengegend. Also eher nicht wie man “diagnostisches Drücken” verstehen würde, sondern eher so wie “Conan knetet Mürbeteig”. Ich verziehe mein Gesicht ein wenig und schwupps, hat die Frau die Diagnose. “Jaja, sie haben da ja auch so eine Abwehrreaktion, das ist eine Gastritis.”. Nehmen Sie das hier (Omeprazol) zwei Wochen lang…*Pause*…und wenn es dann nicht besser geht, dann müssen sie zum Gastro-Enterologen (das sind die Leute für die Nummern mit “Schlauch in Mund und Hintern”). Und machen sie nochmal einen Termin für ein Blutbild!
“Können wir das nicht jetzt gleich machen?”
“Nein, viel zu aufwändig, ich habe viel zu tun heute. Aber nächste Woche hätte ich noch Termine.”
In Gedanken: “Alte, in deinem Wartezimmer saßen schätzungsweise ziemlich genau 3 Leute ausser mir.”
Gesprochen: “Danke, aber ich denke damit warte ich, bis ich das Medikament genommen habe. Wenn ich dann kuriert bin, ist das ja nicht mehr nötig.”
Dagegen konnte sie dann glücklicher Weise nichts mehr sagen.
Zwei Wochen sind um und unglücklicher Weise ist es nicht besser, sondern schlimmer geworden. Wenn ich esse, dann habe ich ein brennendes Gefühl in der oberen Bauchgegend, der Bauch rumort und gluckert und…es fühlt sich einfach scheisse an. Keine Schmerzen in dem Sinne, aber auch keine Motivation mehr, etwas zu essen, weil es ohne einfach besser geht. Kann ja so nicht bleiben, also wieder die Arztsuche angeschmissen und einen Gastro-Dingsda rausgesucht. (Wohlweislich vorher telefonisch bei der Allgemeintussi eine Überweisung bestellt.)
“Guten Tag, hier ist die gastro-enterologische Gemeinschaftspraxis von Privatdozent Dr. X, Privatdozentin Dr. Y und Dr. Z, sie sprechen mit Frau D.”
Das Privatdozent wurde tatsächlich zweimal gesagt. Ich schildere die Lage, meine “Behandlungshistorie” und werde freundlich informiert:
“Ja, Herr M, dann machen wir einen Termin aus. Bei uns läuft das folgender maßen ab. Zuerst gibt es einen Gesprächstermin, da wird dann alles weitere besprochen und später folgen dann die Behandlungstermine.”
Ich: “Gute Frau, ich habe Bauchschmerzen, seit Wochen, jetzt sind sie schlimmer geworden, so dass ich nichts mehr essen mag, kann man mir nicht auch im ersten Termin helfen?”
“Das sieht der Doktor dann.” – so gesagt, Ehrenwort.
Ich: “Gut, also dann geben Sie mir bitte einen Termin.” (Ich wagte schon gar nicht auf meinen Terminkalender zu gucken, um dann wahrscheinlich zu sehen, welches hohe Tier in unserem Laden ich dafür versetzen müsste.)
“Passt Ihnen der 15.11…”
Ich: “Wie bitte? Der 15.11.? Hören Sie, ich esse von Tag zu Tag weniger, im Moment bin ich bei knapp über einer Hafersuppe und zwei Scheiben Brot täglich, das kann nicht bis zum 15.11. so weitergehen, von den konkreten Beschwerden ganz abgesehen.”
“Ja, tut mir leid, Notfälle kann ich von Ihnen nicht entgegen nehmen. Da müsste schon ihre behandelnde Ärztin anrufen. Haben Sie überhaupt eine Überweisung”.
Ich: “Ja, habe ich.”
“Gut, denn eigentlich kann ich nur bei deren Vorlage einen Termin vereinbaren. Aber wie gesagt, wenn die Ärztin anruft, dann geht es auch schneller.”
Ich muss sowas wie “Danke, ich kümmer mich drum” gesagt haben. Mein Kollege lacht schallend, als ich auflege. Ich grinse etwas gequält und rufe bei meiner Allgemeinmedizinerin an, wo mich flugs die Arzthelferin begrüßt.
“Nein, die Überweisung habe ich leider noch nicht fertig.” (Geordert hatte ich die um 10, jetzt war es fast 16.00 Uhr)
“Könnten Sie bitte für mich in der Praxis der Drs. XY und Z anrufen und einen Termin vereinbaren, damit es schneller als in 3 Wochen geht?”
“Nein, das müssen Sie schon selbst machen…”
“Nein, sie verstehen nicht: SIE müssen dort anrufen, damit ich einen Termin VOR dem 15.11. bekomme.”
“Entschuldigung Herr M., aber ich schreibe ihnen ihre Überweisung doch…”
“Gute Frau, ich WAR vor zwei Wochen schon bei Ihnen und hatte Beschwerden. JETZT sind die Beschwerden SCHLIMMER geworden, so schlimm, dass ich nicht mehr essen mag. Die Frau Doktor sagte, dass ich in diesem Fall zum Gastro-Dingsda gehen soll, das will ich nun tun. Die Praxis gibt mir aber erst in 3 Wochen einen Termin und bis dahin wollte ich eigentlich wieder essen. Und die Schmerzen los werden. Und das geht nur dann, wenn SIE da anrufen, denen sagen, dass ihre Frau Doktor sagt, dass ich SOFORT da hin muss und DANN machen die mir einen Termin.”
Stille (offensichtlich Daten-Overload).
“Ok, Herr M., dann kümmere ich mich darum.”
Immerhin fragte Sie nach meiner Handynummer, um sich bei mir zu melden, nachdem der Termin vereinbart sei. Unglaubliche 10 Minuten später klingelte dann tatsächlich das Handy:
“Hallo Herr….M., also es tut mir leid, aber die Dame in der Praxis X, Y Z sagt, dass die Frau Doktor anrufen muss.”
“Wie bitte?!”
“Die Frau Doktor muss dort anrufen.”
Ich erspare euch den Rest. Und mir auch, denn das viele Tippen macht mich nicht unaufgeregter. Es kostete mich aber noch weitere 30 Minuten und 3 Telefonate, bis die Sache eingetütet und bestätigt war.
Was soll das eigentlich? Ich zahle jeden Monat über 240 EUR in die KKV. Mein Arbeitgeber nochmal dasselbe. Ich könnte mich privat versichern und bin (bescheuert!) aufgrund einer Mischung aus Solidaritätsdenken und Zukunftsdenken dort geblieben, weil ich glaubte, dass die Kernversorgung ok sei. Für die wesentlichen Dinge halt.
Und dann wird einem auf diese Art vor Augen geführt, wie die Schmarotzer in diesem System (ich meine jetzt ausnahmsweise mal die in weiß!) a) völlig unfähig sind, ihre ureigensten Prozesse auf die Kette zu bekommen und in beiden der Fälle b) die Ärzte das System abzocken ohne Ende. Sondertermin Blutabnahme? Gesprächstermin? Behandlungstermine? Wahrscheinlich schiebt der Gastro-Dingsda mir nen Feuerwehrschlauch ins Rektum, weil das mehr Kohle von der KKV gibt. Und wahrscheinlich mehrmals, weil das nochmal Session-Bonus gibt.
Und am Ende läuft es dann wahrscheinlich darauf hinaus, dass sie mir Maloxan oder sowas verschreiben. Freiverkäuflich in jeder Apotheke.
Man muss ich mal vorstellen, was allein der Aufwand, diesen Termin zu vereinbaren, die Volkswirtschaft kostet. Ich habe heute gut und gerne eine Stunde telefoniert. Nehmen wir an, dass es in 10% der Fälle so schlimm ist wie bei mir und in 90% der Fälle nur halb so aufwändig. Bei sagen wir 5 Millionen Terminen im Jahr in Deutschland wären wir dann bei (500.000*1)+(4.500.000*0,5)=2,75 Mio. Arbeitsstunden und das ist nur der Arbeitszeitausfall bei den Patienten! Das sind 343.750 Personen-Arbeitstage oder ca. 1.562 Personen-Arbeitsjahre. Ein 1.500-Mann-Unternehmen, das ein ganzes Jahr lang still steht! Da ist noch nicht der massive Overhead drin bei den Praxen durch völlig bekloppte Arbeitsprozesse. Und wir finanzieren das auch noch, diesen Moloch.
Der größte Witz an der Sache: seit ich das mit dem Bauch habe, huste ich ständig rum. So ein trockener Reizhusten. Sagt mein Kollege (der sich gegenüber die ganze Zeit scheckig gelacht hat) nach dem ganzen Bremborium, als ich mal wieder huste: “Du datt is en Reflux Husten, det kenn ick jenau! Hab ick ooch mal jehapt, des is eener, janz sicher!”
Wenn das stimmt, dann gehe ich in Zukunft nur noch beim Kollegen in Behandlung
31. Oktober 2007 um 21:37 Uhr
Und ich war heute auch beim Arzt. Und kam direkt dran, vor all den anderen Leuten im Wartezimmer. Als Kassenpatient. Und dabei war’s nichtmal ein Notfall