Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht 2010
Ich gucke gerade “Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht”. ZDF. Ich kann ja nichts mit Karneval anfangen, konnte ich noch nie, aber ich bin ja auch Exil-Hanseat. Damals im Rheinland versuchten die Lehrer unserer Schule den mehrheitlich alkoholinduziert karnevalstoleranten Jungs vor Ihnen zu erklären, dass diese Party eine Geschichte der katharsischen Reinigung im spirituellen bzw. religiösen Sinn hatte…und so.
Jedenfalls rief soeben der Elferrat in Mainz den “Gutie” auf, einen Comedian oder wie die sich nennen, der als “Johannes Gutenberg” ein paar Sprüche reissen wollte. Oder sollte. Vielleicht auch beides.
Der war sofort in medias res, von null auf hundert sozusagen. Lästerte über die mutmaßlichen Verwicklungen des Mainzer Oberbürgermeisters in gesponsorte Silvesterreisen, die Vorgänge rund um die städtische Wohnungsbaugesellschaft (bei der sich den Aussagen nach deren Management mit Rückendeckung des Aufsichtsrats um schlappe 300 Mio. verzockt hat, so dass das Stadsäckl mit 117 Mio. EUR einspringen musste) und die unbedachte Verscherbelung von ehemaligem Stadteigentum per Crossborder-Leasing. Also nichts, was wir 2008 und 2009 nicht auch woanders gehabt hätten.
In diesem Moment lassen viele Jecken ihre Masken sprichwörtlich fallen, eher werden sie ihrer beraubt, weil sie es nicht mehr unter Kontrolle haben. Gar nicht amused. Offenbar hat sich da für das TV die gesamte Creme der Stadtverwaltung inklusive telegener Anhängsel im Saal versammelt und die klatschen nicht, einige buhen, einige viele, so dass zeitweise das Buhen Überhand nimmt. Man sieht es ihnen an, sie sind perplex, gefesselt von “Guties” Worten, entrüstet ob dieser öffentlichen Bloßstellung. Sie bemerken nichtmal die Kameras, die sie ab und an einfangen, nur die Anhängsel reagieren teilweise noch, zu spät um es als Zuschauer nicht zu merken, rechtzeitig, um ihre Botox-Bäckchen noch zu einer gekünstelten Grimasse der Jeckerei zu verziehen und mechanisch in die Hände zu klatschen.
Offenbar ist die ganze Partie unterminiert, fast schon dominiert von denjenigen, denen die Kritik gilt und vielleicht gerechtfertigter Weise auch gelten sollte: von den Administratoren, die nicht nur in Mainz schon seit Jahrzehnten Entscheidungen treffen, die sie offensichtlich nicht verstehen oder nicht sorgfältig genug prüfen lassen und die sie daher lieber nicht treffen sollten. Aber die Steuergelder wollen ja umverteilt sein.
Ein dreifaches “Helau” für diese Freakshow. Und Respekt für “Gutenberg”, wirklich mutig. Ich jedenfalls fand ihn wirklich lustig!
Nachtrag: die Presse hat es auch aufgegriffen, allerdings eher im Rahmen der “Standard-Berichterstattung“.