2010 18. Jun

Viel wurde in den letzten Tagen geschrieben und geredet über die möglichen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Ich bin Marketing-Fachmann, ich habe dazu eine vielleicht etwas eigentümliche Meinung. Damit, dass ich sie auch ausspreche, bin ich für Berlin eigentlich schon überqualifiziert :D

Das Amt des / der Bundespräsident/in (im Folgenden völlig un-gendergemainstreamt: der Bundespräsident) ist das höchste im Staate, der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt. Das Amt erfüllt eine größtenteils repräsentative Funktion und bildet dabei gleichzeitig die Spitze der repräsentativ-demokratischen Hierarchiepyramide: das Volk wählt seine Landtage und den Bundestag direkt, aus diesen setzt sich die Bundesversammlung paritätisch zusammen. Diese Mischung aus Bundesrepräsentanten und Landesrepräsentanten wählt den Bundespräsidenten. Damit ist die Wahl des Bundespräsidenten schon näher an einer direkten Volksabstimmung, als mithin angenommen wird.

Gleichzeitig verfüg das Amt über wenige machtpolitische Einflussmöglichkeiten mit Ausnahme der Option der (Nicht-)Unterzeichnung von Gesetzen. Und als Fallback-Option bei verlorenen Vertrauensfragen von Kanzlern, der Neubildung von Regierungen nach Parlamentsauflösungen und bei Minderheitsregierungen.

Ganz wesentlich ist -besonders in Zeiten einer globalisierten und medialisierten Welt- die repräsentative Rolle. Der Bundespräsident ist eine Marke. Eine Art “all-in-one-Deutscher”, eine Projektionsfläche sowohl für das eigene Volk als auch alle anderen Nationen.

Als solche Marke befindet sich der Bundespräsident in einem starken und dynamischen Spannungsfeld: die gewünschte Projektion des Volkes ändert sich zuweilen, allerdings ist da immer ein Satz zentraler und so gut wie unveränderlicher “Core Values”, die witziger Weise auch international fast identisch sind. Dazu gehören u.a. “Freiheit”, “Aufrichtigkeit”, “gutes Leben”, “Gesundheit”. Das sind zentrale Lebensziele von Menschen, weltweit. Und weltweit werden sie ergänzt oder abgewandelt je nachdem, wie die kulturellen Werte ausgeprägt sind. US-Amerikaner z.B. legen viel Wert auf die “starke Hand” in der Hoffnung, der Präsident werde den (“bösen”) Staatsapparat in ihrem Auftrag in Zaum halten.

Jeder kennt das aus der Werbung: die komplett in weiß gekleidete, glückliche Großfamilie, mit Kindern, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, 5ha-Anwesen, einer -Überraschung- in weiß gehaltenen Gründerzeit-Villa, eingerahmt von 200 Jahre alten Eichen, einem reichhaltig gedeckten Frühstückstisch, der farblich schöne Kontraste zu weiß liefert – und diesem dämlichen Bären mit dieser völlig überdimensionierten Milchkanne, der sich wie selbstverständlich in die Runde integriert.

In Deutschland gibt es vielleicht 100 (von 40 Mio.) Haushalten, die so ein inszeniertes Frühstück mit Location etc. überhaupt abziehen könnten, ganz abgesehen davon, ob sie sowas überhaupt jemals tun, weil sie mit der Verwaltung ihrer Vermögen viel zu beschäftigt sind. – Aber es funktioniert! Die Menschen sehnen sich nach einem Ideal, sie träumen sich dort hinein – und kaufen.

Ähnlich der Bundespräsident, wobei er oder sie dadurch wichtigen Einfluss gewinnt: ein Idealbild kann, darf und soll hier und da einen kleinen Stupser in eine bestimmte Richtung geben, ohne verdächtig zu sein.

Ja, eine solche Rolle unterliegt in den Anforderungen einer pervers zu nennenden Ambivalenz: niemand ist perfekt, Perfektion wird aber erwartet, ist Voraussetzung. Und es geht um Moral, nicht um Ethik: kein Vater, der in den 50ern seinem Sohn eine gelangt hat, wird jemals in Bedrängnis geraten. Wenn der Sohn aber Schüler war und der Schläger jetzt Bischhof ist, dann wird das u.U. ein Problem. Moralisch korrekt, ethisch fragwürdig. Das ewige Spannungsfeld der Markenpolitik. Aber jeder kennt die Anforderungen, das Spiel. Und sollte beidem meiner Meinung nach gerecht werden können.

Gerecht werden kann man überhaupt nur annäherungsweise dann, wenn man ein zentrales Feature aufweist: Unbekanntheit. Man muss ein unbeschriebenes Blatt sein, sonst ist der Nimbus der Unbeschriebenheit, der Perfektion, nicht aufrecht zu erhalten.

Köhler z.B. war unbekannt. Köhler wurde gemocht wegen seiner spröden, als Authenzität interpretierten, Art. Das war Deutschland. Wegen seiner unabhängigen Einlassungen. So möchte sich das Volk gerne sehen. Aber er hatte vielleicht etwas zu wenig Präsidiales, nennen wir es den “Aristokraten”-Bonus. Aristokraten sind in Protokollfragen geübt, materiell und politisch unabhängig (!), häufig intelligente Freigeister, häufig gut aussehend, unbelastet, Integer – und vielleicht etwas robuster gegenüber politischen Taktik-Spielchen, die sie häufig von Kindesbeinen an kennen. Ein Punkt, der vielleicht etwas mit Köhlers Resignation zu tun hat.

Ich könnte mir vorstellen, das Richard von Weizsäcker diesem Ideal sehr nahe kam und noch heute als einer der beliebtesten Bundespräsidenten aller Zeiten gilt.

Warum ist das so, warum wollen die Menschen so “unauthentische” Kandidaten? Gegenfrage: Warum liest jemand “Waldklinikarzt Prof. Dr. Hinterzimmer” oder guckt “Verbotene Liebe”? Die Leute mögen es. Sie wollen dieses überzeichnete Ideal-Selbstbild in die große, weite Welt projizieren. Nur weil der Bundespräsident nicht aus dem Volke kommt, nicht vorgibt aus dem Volk zu kommen, taugt er (oder sie) als blütenweiße Projektionsfläche. “Das bin ich! Das sind wir! Das ist Deutschland!”

Was oder wen suchen wir also: nichts weniger als den perfekten Kandidaten. Keiner der bisher genannten Kandidaten/innen entspricht diesen Kriterien. Nicht Wulff, nicht Schäuble, nicht von der Leyen, nicht Gauck. Alle (mehr oder weniger) gezeichnet, verbraucht, abhängig. Vielleicht auch einfach zu bekannt für bestimmte Positionen und damit nicht mehr neutral genug.

Ich persönlich sähe es einfach gerne, wenn man sich eingehender Gedanken sowohl über die Kandidaten, ihre zukünftige Rolle und ihre Funktion in nicht ganz einfachen Zeiten als auch über das Vorschlags- und Wahlverfahren machen würde – und jetzt nicht im Notbesetzungsverfahren einen Parteisoldaten auf einen Sockel hievt, der einfach zwei Nummern zu groß ist.

Vielleicht beim nächsten Mal. Jetzt werden wir erstmal Weltmeister ;)

2010 22. Mai

wenn es doch die Realität gibt?

(Ich schäme mich dafür, ein offensichtliches Konstrukt der Aufmerksamkeitsindustrie in Form dieses Bildes zu verlinken, aber das Thema “unter dem Deckmantel der Kultur institutionalisierte Tierquälerei” ist es wert!)

Aber um es mal so zu sagen (und ohne! Häme diesem unglücklichen Torero gegenüber): Fair enough.

2010 18. Mai

Gestern abend, Tagesthemen. Während Gundula Gause und Tom Buhrow in diesem Prequel zur Sendung verharren (“wir unterhalten uns voll normal und total locker und schieben sinnlos Blätter Papier hin und her”) rattern unten im Ticker die Meldungen durch. Das erste, prominenteste, wichtigste mit Sicherheit: +++Michael Ballack fällt für die WM aus+++ Danach dann die Randnotizen wie +++EU erwägt Finanzmarktsteuer+++Wie geht es weiter mit Europa?+++Ist unser Geld noch sicher?+++Werden unsere Kinder Gras fressen?+++

Genau das ist das Problem: 70% unserer Bevölkerung denken so, fühlen so und handeln so. Datt Mischael is nisch dabei. Kacke. Bier. Stammtisch-Notrunde. Watt? Wie, “Weltwirtschaft”? Wie “meine Kinder”? Wie “Abzocke”? WIE JETZT?

Deswegen werden sie auch immer wieder dieselben Pappnasen wählen, wirklich wichtigen Entscheidungen aus dem Weg gehen, sich berieseln lassen, sich an fremden Leistungen laben wenn man schon selbst nichts mehr selbst generiert, mit dem man sich identifizieren könnte. Ich meine, das muss man sich mal geben: in NRW können sich gerade mal 12,8% der Wähler (und die Wähler sind bekanntlich ja nur ein zunehmend kleiner Teil von “dem Volk”) dazu durchringen, was anderes zu wählen als vorher. Das ist jeder 8.Wähler. Jeder 16. Bürger insgesamt (wegen nichtmal 50% Wahlbeteiligung). Immerhin die meisten davon weg von der CDU, das ist ja schonmal was. *Applaus*

Nö, ist ja auch nichts passiert, ausser dass die europäische Wirtschaft am Abgrund steht, die Politiker das Geld des Souveräns mit fadenscheinigen Begründungen dem systemrelevantesten Gewerbe der Welt hinterherwerfen und den Rest -immer noch Rekordsummen- EU-vertragswidrig aber total einstimmig mit den Kollegen in die Rettung Insolvenzverschleppung von Pleiteländern pumpen, den Arsch ihrer Bürger und noch-nicht-Bürger noch strammer auf das Grundeis der Gläubigerschaft setzen – und dann vielleicht noch wie Roland Koch auf die Idee kommen, es an Bildung und Erziehung der eigenen Kinder einzusparen, damit die grenzdebilen Altwählerschichten ihr dementes Kreuzchen bloß an der richtigen Stelle machen.

Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand.

Man muss ja das Positive sehen: wenn schon Recht und Freiheit zunehmend egal sind, dann ist wenigstens noch die Einigkeit da. Der stillschweigende Konsens darüber, dass man dann sowieso weiter machen kann wie bisher und Fußball -natürlich- nach wie vor das wichtigste aller Themen ist.

Prost.

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