2008 10. Dez

Unsere Wahrnehmung verflüchtigt sich im wahrsten Sinne des Wortes. Immer mehr Informationen sind in immer kürzerer Zeit zu bewerten. Letzendlich werden wir zu immer schneller rotierenden Rating-Maschinen in einer unüberschaubaren Informationsmasse.

Die Ideale, die daraus resultieren, haben auf der einen Seite Talentshows, auf der anderen Seite Systeme wie die gerade krepierende (Investment-)Bankenlandschaft hervorgebracht. Bei beiden ist die Zielsetzung der Akteure dieselbe: viel Aufmerksamkeit (Macht) in kürzest möglicher Zeit = Maximalrendite (Ruhm oder Geld oder beides). Bei den “Talenten” durch Masse, bei den Investmentbankern durch Singularität, durch Konzentration von jeder Menge Geld und Macht bei sehr wenigen.

Das Ideal ist ja aber die Nachhaltigkeit dieses Zustands, also z.B. “Star sein”. Ist ja nicht so, dass die ganzen Möchtgern-Superstars nach 4 Wochen wieder in der Versenkung verschwinden wollen. Da ja aber die Nachfrage der Massen nach immer neuer Information zu immer mehr davon führt (Internet, Youtube etc.pp.) ist in immer kürzerer Zeit immer mehr Auswahl verfügbar für die Substitution der gerade im Moment angesagten “Stars”. Was ja auch schnellstrotierend passiert. Das Erhalten des “In”-Zustands wird immer schwieriger, also unmöglich. Der letzte, der das geschafft hat, wahr wohl Robbie Williams?!

Obwohl, eigentlich schafft sich der Zielzustand ja gerade selbst ab: immer mehr informationale Konkurrenz lässt jeden “Star” immer mehr in der Masse untergehen, so dass er sich immer weniger von den “Normalos” unterscheidet und das müsste eigentlich die Attraktivität des Zielzustands massiv senken.

Gesetzt die Prämisse, dass die Menschen nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Macht streben, müsste sich doch das System dahin gehend verändern, dass Zustände angestrebt werden, die nach wie vor Aufmerksamkeit, Geld, Macht gewährleisten können, am besten noch dauerhaft?! Also: Fokussierung mehr und mehr auf kleine, fragmentierte Umfelder, in denen der Zielzustand leichter und nachhaltiger herstellbar ist. Familie, Clique etc.

Gab es übrigens schonmal: Ende 19. Jh. war die Familie DER Bezugsrahmen.

2008 02. Nov

Wir wohnen in einer Fußgängerzone. Das ist ab und an problematisch, wenn man mal sechs Getränkekisten im Auto hat oder Möbel anliefern lässt etc. pp. Man darf als Anlieger “einfahren” und zwar Montag bis Freitag von 9.00 bis 11.00 Uhr und Samstag von 7.00 Uhr bis 9.00 Uhr.

Nun, manchmal ist man mal ein bisschen Robin Hood, parkt seine Getränkekästen im Auto und erdreistet sich, z.B. Sonntags vorzufahren oder spät Nachts, wenn man aus dem Urlaub wiederkommt und das Gepäck abladen will. Bis jetzt habe ich damit nie Probleme gehabt, einige Male kam sogar das Ordnungsamt vorbei während dieser ordnungswidrigen Machenschaften, aber die hatten immer Verständnis und sind einfach weitergegangen. Wir sind zudem nicht die Einzigen, es gefährdet, behindert oder stört ja auch niemanden.

Neulich war verkaufsoffener Sonntag, wir hatten Wasserkästen im Auto und….nein, wollten gar nicht bis vor die Tür, sondern wollten nur in einem Wendehammer ca. 100m entfernt leere Getränkekisten einladen. Der Wendehammer ist zwar groß genug für diverse Haltemöglichkeiten (die immer, auch an jenem Sonntag, wahrgenommen werden für kurze Stops), ist jedoch mit einem Halteverbot belegt. Wir kommen also an, halten, machen den Kofferraum auf…und lernen den “Freiwilligen Polizeidienst” kennen.

Die Frauen herrschen meine Freundin und mich ohen Vorwarnung in einem Ton an, dass man denkt, dass die schon früher, viel früher Erfahrung mit sowas gesammelt haben. Nein, das ginge gar nicht, wir müssen weiter fahren, jetzt, gleich, so-fort. Das ging soweit, dass sie auf meine wirklich freundliche Anmerkung, dass unser Vorhaben hier doch ohne Gefahr oder Behinderung realisierbar sei, ohne Unschweife “Zwangsmaßnahmen” und Bußgeld angedroht haben (wobei mich interessierte, was Zwangsmaßnahmen in deren Verständnis sind und ob die das überhaupt dürfen). Kurzum, es half nichts, wir mussten das Feld räumen. Ich ging zu Fuß mit den Kästen hinter dem Auto her -die 4 Kästen, die ich schon trug durfte ich nichtmal einräumen (!)- und sah mir das Schauspiel nochmal an: die beiden Damen bewegten sich mit ihrem Batman-Gürtelgeraffel hektisch von einem Illegal-Halter zum nächsten und wiesen Alles und Jeden zurecht. Witzig auch, wie sie sich immer an ihren Multi-Tool-Gürtel griffen und ihre Freiwilliger-Polizeidienst-T-Shirts mit stolz geschwellter Brust vor sich her trugen. In unserem Wendehammer war noch nie so viel Action – und verständnisloses Kopfschütteln.

Ich habe mich danach gefragt, was das eigentlich ist, “freiwilliger Polizeidienst” und was das für Menschen anzieht, wie die motiviert sind. Um es kurz zusammenzufassen: der freiwillige Polizeidienst ist Ländersache. Die Eckpunkte:

  • Die Mitarbeit beim freiwilligen Polizeidienst geschieht ehrenamtlich und stundenweise.
  • Die Ausbildung der Kräfte erfolgt durch Beamte der Landespolizei und nimmt einen Zeitraum von 50 Stunden in Anspruch, abgeschlossen wird sie mit der Aushändigung einer Urkunde.
  • Neben den Notwehrrechten stehen den Mitgliedern dabei noch einige Rechte zur Gefahrenabwehr nach dem hessischen Polizeirecht zu. Dazu zählen die Befragung, die Identitätsfeststellung und die Möglichkeit, einen Platzverweis auszusprechen.
  • Die Mitarbeiter erhalten eine Aufwandsentschädigung von 7,00 Euro pro Stunde.
  • Weiterhin muss der Bewerber gesundheitlich geeignet sein, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten sowie einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Lehre besitzen. Zudem darf der Anwärter keinen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis besitzen und muss nach der Gesamtpersönlichkeit geeignet erscheinen.

(Quelle: wie o.g. Wikipedia)

Ich bin wirklich baff. Neben Hiwi-Jobs, z.B. der altbekannten “Politesse”, outsourcen die jetzt immer umfänglicher hoheitliche bzw. pseudo-hoheitliche Aufgaben? Ich meine, das hatten wir doch schonmal und es hat seinerzeit super funktioniert, weil die Motivationsstruktur und die Individuen, die ihr unterliegen, immer gleich sind.

7 EUR die Stunde alle Jubeljahre mal wird nicht der Motivator sein. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, der wird schnell sinnvollere, regelmäßigere und anspruchsvollere Tätigkeiten finden. Was übrig bleibt, ist so traurig wie die Wahrheit dahinter, damals wie heute: es sind der Multi-Tool-Gürtel, das T-Shirt mit dem Wappen, dem Aufdruck und die Möglichkeit, endlich, endlich! mal mehr Macht auszuüben als über diese blöden Drehregler zwischen 0 und 250°C. Es gibt nämlich anscheinend nur freiwillige Polizeidienstinnen, mehrheitlich hektische Frauen zwischen 30 und 50 mit dem höchsten Bildungsabschluss “50 Stunden Polizeidienstschulung”. Schätzung über Verbalkompetenz ist schon eine feine Sache. Aber man muss sich das mal geben: ein Schulabschluss oder eine Berufsausbildung reichen aus? Das zieht, vorsichtig gesagt, nicht gerade diejenigen an, denen ich persönlich solche Aufgaben guten Gewissens übertragen wollen würde – denn das wären genau diejenigen, die das entweder gar nicht wollen oder sowieso irgendwo irgendwas zu sagen haben.

Und jetzt will ich wissen, welche Rechte zur Gefahrenabwehr nach dem hessischen Polizeirecht den Leuten zustehen und wer die zuständige Stelle ist, an die ich eine Beschwerde richten kann. Sonst schreibe ich einfach mal ans Polizeipräsidium.

Was mir dazu noch einfällt:

Edit: …mächtig sein und Statussymbole, davon träumen offenbar auch noch andere subalterne Behörden :D

2008 15. Sep

Wenn Wünsche in Erfüllung gehen. Hehe. Das war im März 2008. Ich schrieb damals über die Investmenthäuser:

Und ich wünsche mir ein paar Tote, gerne auch ein paar mehr. Tote, die richtig weh tun, weil ihre Namen ach so heilig sind in dem Metier. Nur dann werden die anderen aufwachen – vielleicht. Klick.

Genau so ist es gekommen. Erst Fannie Mae und Freddie Mac, jetzt Lehman Brothers und Meryll Lynch. LOL. Das Who’s Who der Szene ist versammelt.
Kurzfristig ein Schock, ja. Aber langfristig ein heilsamer. Am liebsten hätte ich noch ein paar Verwerfungen mehr, noch eine fette Pleite im Land der unbegrenzten Kapitalgier. Warum? Ganz einfach: der Renditezwang, der allerorten kommuniziert wird, rührt daher, dass die Kapitalkosten so hoch sind. Was meint das?

Sobald ein Unternehmen sich Kapital als Kredit irgendwo leiht, fordert der Geldgeber eine Rendite pro Jahr – die Zinsen. Auf der anderen Seite wollen die Eigenkapitalgeber (Anteilseigner, Aktionäre, Gesellschafter, was auch immer) ebenfalls eine Mindestrendite sehen – die Dividende oder Gewinnausschüttung. Diese Forderungen sind in den letzten Jahren in irrwitzige Höhen geschnellt, weltweit. Die Deutsche Bank zum Beispiel postulierte ein Renditeziel von 25%. Warum? Weil die Geldgeber behaupten, dass man “woanders” mindestens eine so hohe Rendite bekäme und sein schönes Geld nur dann vergibt, wenn er wenigstens auch so viel Rendite verspricht.

Durch die Pleitewelle in den USA wird all den merkbefreiten Honks in der Finanzwelt endlich mit dem Holzhammer eingeprügelt, was sie eigentlich seit dem Studium wissen sollten: dass “Wertschöpfung”, die nur in den Büchern stattfindet, eben nur bedingt WERTschöpfung ist, sondern erstmal eine Zahl auf Papier.

Dieser Umstand wird denen jetzt schmerzlich bewusst und wird dazu führen, dass die Rendite- oder Zinsforderungen moderater werden – die Leute sind auf absehbare Zeit froh, wenn sie ihr Geld überhaupt wiederbekommen :D Das gibt gerade den börsennotierten Unternehmen die Möglichkeit, endlich mal wieder etwas in Richtung Nachhaltigkeit* zu tun – es sei denn, das gesamte Geschäftsmodell basiert auf dem Kauf und Verkauf von Risiken, dann sollen sie die Geier holen (was gerade passiert) :D

Schön finde ich auch: anders als bei der deutschen IKB-Bank (die vom Steuerzahler für ca. 11.000.000.000 EUR gerettet wurde), springt diesmal NICHT der Staat ein und rettet diese Cretins. Bei der IKB lief es nämlich so: die Gewinne wandern in private Taschen und wenn das Management dann mal brutal viel Scheiße baut, dann zahlt es der Steuerzahler. Es wäre fatal gewesen, wenn das wieder vorgekommen wäre, zudem in diesem Maßstab. Man muss sich das mal vor Augen halten: immer wettern insbesondere die Bankmanager gegen staatliche Intervention. Aber wenn sie komplett versagen, lassen sie sich vom kleinen Mann und dem Mittelstand (die Instanzen mit dem höchsten Steueraufkommen) retten. Der Markt funktioniert eben doch, man muss ihn dann aber auch zulassen und keine Einbahnstraße daraus machen.

Für die Zukunft empfehle ich die Einführung der Tobin-Steuer, um wenigstens den größten Irrsinn zu unterbinden. Aber die Menschen Hardcore-Kapitalisten sind unverbesserlich, wir werden das alles wiedersehen…

*Nachhaltigkeit: weg von kurzfristigster Umsatzmaximierung und Kostenminimierung auf Kosten von Qualität, Mitarbeitern, Kundenzufriedenheit etc.

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