Auswandern – die Lösung?
Hier steht es mal wieder. Immer mehr Deutsche wandern aus. Und wie bei denen, die die vielen Kinder kriegen, sind es auch hier die “Falschen”, nämlich Akademiker und andere Hochqualifizierte. Geschätzte 250.000 letztes Jahr, Tendenz anscheinend steigend.
Ich überlege auch. Ich bin gerne Deutscher und ich unterstütze unser System. Die Demokratie, sozial schlecht gestellt Menschen, Kranke: unser Solidarsystem. Ich würde sagen, dass ich in Maßen patriotisch, in jedem Fall aber positiv gegenüber Deutschland eingestellt bin. Das bedeutet für mich: nicht auf den Cent schauen, wenn es um das geht, was unser Land am Laufen hält: Steuern, Krankenkassenbeiträge in die gesetzliche KV, Sozialversicherungsbeiträge. Darüber hinaus selbst etwas bewegen, in meinem Alter eher im eigenen Mikrokosmos, der unmittelbaren Umwelt, später vielleicht mal etwas mehr.
Aber in letzter Zeit wird es mir zu bunt. Ich bin erst 28, habe aber schon mehrmals mitbekommen, dass die Menschen schlichtweg belogen wurden. Kohl versprach blühende Landschaften und hinterließ die teuerste Reintegrationsbaustelle aller Zeiten, die sich zudem in ein soziales wie demografisches Pulverfass verwandelte. Schröder wollte die Arbeitslosigkeit reduzieren, schaffte es nicht und wurde von uns Lemmingen erst im zweiten Anlauf bestraft. Merkel kam und versprach vorsichtig nichts konkretes, aber immerhin Bewegung für unser Land, aber alles, was ich sehen kann, ist ein immer monströser werdender Apparat. Der Leviathan schickt sich an, seinen Meister gefressen – den Souverän, das Volk. Probleme mit personell und prozessual überfrachteten bürokratischen Abläufen werden nur mit weiteren Prozessen unter Kontrolle gebracht, die Kosten explodieren.
Die Solidargemeinschaft definiert sich zunehmend darüber, dass eine Minderheit gut verdienender Menschen ein Heer nicht nur hilfsbedürftiger Menschen zu versorgen hat. Für Rentner zahle ich gerne, auch für Kranke, Verletzte, für eine gleichbleibend gute Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Aber ich werde nicht Heerscharen von Rauchern für die Behandlung ihrer selbstverschuldeten Spätfolgen alimentieren. Jeder kommt immer mit dem Argument, dass durch deren frühen Tod der Deckungsbeitrag zum Solidarsystem sogar positiv sei – und was ist mit den Passivrauchern, die krank werden oder sterben, obwohl sie “Nichtraucher” sind? Überall sehe ich adipöse Leute rumlaufen, kaum in der Lage sich zu bewegen, aber Cola-Kisten aus dem Supermarkt in Ihren Lebensmittel-Van schleppend. Die Behandlung müssen wir auch zahlen, ganz toll. Ich habe auch keine Lust, diejenigen -und nur diejenigen- Arbeitslosen zu unterstützen, die arbeiten können, offiziell nicht wollen und nebenher “schwarz” ihre Kohle machen und sich damit in den meisten Fällen besser stellen, als ehrliche Arbeitnehmer, manchmal ganze Familien, die einfach nur nicht so viel verdienen. Kurz – ich werde nicht zusehen, wie meine Euros bei Menschen versinken, die sich um nichts kümmern, wenig leisten, sich und andere bewusst schädigen und häufig nichtmal den Minimalverpflichtungen ihrer Heimat gegenüber nachkommen.
Aus Berichten Involvierter kann ich sagen, was in der Verwaltung passiert, um alledem Herr zu werden: nichts. Berater kommen und gehen, hinterlassen teils brauchbare, teils unbrauchbare Konzepte, die aber nicht einmal als Minimalversion umgesetzt werden, weil dicker Filz, lange Seilschaften und schlichtweg kriminelle Amtsträger ihren eigenen Interessen weit mehr verpflichtet sind, als ihrem Arbeitgeber: dem Volk, dem Land, dem System – unserem Staat.
Die Politik ist offensichtlich zunehmend unfähig, dieses Monstrums und seiner Lobbies Herr zu werden, im Gegenteil, die Politiker sind mittlerweile ja selbst eine Lobby. Sie flicken, kungeln, lügen, entwickeln Konzepte, die niemanden benachteiligen sollen, aber alle mehr Kosten. Natürlich nur diejenigen, die sowieso schon am meisten zahlen. Und die wandern dann eben aus.
Ob das für mich eine Option wird, weiß ich im Moment noch nicht, aber ich weiß: irgendwann ist das Maß voll. Schon jetzt haben die Menschen erkannt, dass die Politik handlungsunfähig ist. Das zeigt sich deutlich in immer weiter abnehmenden Wahlbeteiligungen. Wenn das so weitergeht, wird folgendes passieren: da keine Partei sich mehr profilieren kann (sind programmatisch eh alle gleichgeschaltet, mit ausnahme der Image-Bonbons), wird die Frustration noch eine Weile steigen, bis ein ökonomischer BigBang passiert oder einfach für zu viele das Maß voll ist.
Und dann werden sie einen wählen, der radikal ist. Ich rede hier von wirklicher Andersartigkeit. Neues Programm, frischer Wind, hartes Durchgreifen. Dem Lobbys egal sind, der aufräumt mit der versifften Bürokratie. Und er oder sie wird Erfolg haben, denn die Lobbies werden ihm oder ihr in den Hintern kriechen, sobald es ihnen wirklich an den Kragen geht, genau wie die Wirtschaft. Und wir sollten beten, dass all das diesem Menschen -es wird der Prototyp des modernen Populisten sein- nicht zu Kopfe steigt oder seine Pläne nicht von Anfang an schon andere waren.
27. Juni 2006 um 16:57 Uhr
Hallo Meister!
Ein klein wenig überspitzt geschrieben, meinen Sie nicht auch? Glauben Sie nur nicht, dass im Ausland alles besser wäre. Die meisten Länder haben ähnliche wenn nicht sogar gleiche Probleme wie Deutschland, insbesondere in der EU. Und noch ganz nebenbei bemerkt: Warum sollen Akademiker und andere Hochqualifizierte nicht auch Kinder bekommen dürfen? Gerade daran krankt doch unser System. Solange zu wenige Kinder geboren werden, kann es keine “falschen” Eltern geben.
28. Juni 2006 um 10:04 Uhr
Natürlich überspitzt geschrieben und ja, Sie haben Recht, natürlich gibt es auch anderswo Probleme. Die Frage ist nur, welche Probleme man bevorzugt.In Deutschland sind wir momentan auf einem Weg, einen Staat der starken Hand zu festigen, statt dem Bürger mehr (Eigen-)verantwortung zu geben / aufzuerlegen. Immer weniger verantwortungsvoll handelnde versorgen immer mehr unverantwortlich handelnde. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Was unsere Politiker angeht, bleibe ich aber dabei: ein undisziplinierter und egomanischer Kasperhaufen, für die jeweiligen Aufgaben meist nicht ausreichend qualifiziert und mit dem einzigen Ziel, die jeweilige Wählerklientel in einer Weise zu berücksichtigen, dass keine für Deutschland vorteilhaften Kompromisse zustande kommen, sondern nur Image-Flickwerk.